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Zielgruppe 55+

Neue Lust auf Kleinstadt: Furtwangen, WWW und die Zielgruppe 55+

„Die Bedeutung des geografischen Ortes wird in einer globalisierten Welt nicht verschwinden, sondern zunehmen. Wo wir leben, wird immer wichtiger.“

Mathias Horx, Trendtag 2008

Im  Herzen des Naturparks Südschwarzwald, 25 Kilometer westlich von Villingen und 27 Kilometer östlich von Freiburg liegt die Stadt Furtwangen. Mit etwas weniger als 10 000 Einwohnern gehört sie zu den höchst gelegenen Städten Baden-Württembergs. Von großer Bedeutung für die Stadt ist die Hochschule Furtwangen University mit rund 3800 Studierenden. Mit jährlich rund 1870 Liter Niederschlag pro Quadratmeter gehört Furtwangen zu den regen- und schneereichsten Orten Deutschlands, Studenten bezeichnen ihn scherzhaft als „einzigen Hochschulstandort Deutschlands mit zwei Wintersemestern“. Im eher humorvollen Donauquellenstreit beansprucht Furtwangen den Donauursprung für sich; das Uhrenmuseum zieht jährlich etwa 10 000 Besucher an; die eher raue Landschaft des Hochschwarzwaldes lädt Touristen zum Wandern und Wintersport treiben ein, die Geschichte der Stadt ist industriell geprägt.

Eine Ausgangslage, die viele Kommunen kennen:

Anlass des Projektes.

  • Öffentliche Gelder sind knapp
  • ehrenamtliches Engagement sinkt
  • von „oben“ sind keine umfassenden Lösungen zu erwarten
  • Gesellschaftlicher Kitt wird brüchig
  • traditionelle Strukturen lösen sich auf
  • Bevölkerungspyramide steht Kopf
  • Pessimismus in Zukunftsfragen dominiert
  • Entwicklung einer „Jammmerkultur“

In Furtwangen hat die Krise tiefe Spuren hinterlassen: Die Haushaltskassen sind leer, Einwohner- und Studentenzahlen sinken. Die Situation der Gesundheitsversorgung wird insbesondere für ältere Bürger immer prekärer, die ÖPNV-Verbindungen sind mangelhaft. Zu touristischen Nahzielen wie beispielsweise zur Donauquelle fehlen ÖPNV-Verbindungen ganz, wer im Sommer eine Wanderung in der Region unternimmt, wartet in Nachbargemeinden vergeblich auf einen Bus. Trotz aktiver Vereine krankt die Stadt an einer pessimistischen Grundstimmung. In einer Kleinstadt wie Furtwangen sind gesellschaftliche Umbrüche besonders stark spürbar, weil ganzheitliche Konzepte für eine aktive, gemeinsame Gestaltung der Zukunft fehlen.

 

Wie verknüpft man Hochschule, www und 55+?
Beschreibung des Projektes.

Alleinstellungsmerkmal der Stadt Furtwangen ist die Fachhochschule. Entstanden aus der Feinwerktechnik studieren hier Menschen aus aller Welt. Für Furtwangen ist die Hochschule nicht nur Standort-, sondern Überlebensfaktor. Jedes Stadtentwicklungsprojekt muss daher besonderes Augenmerk auf den Standortfaktor Hochschule richten. Auf Initiative des VdU beleuchteten Anfang 2009 ausgewählte Vertreter aus Industrie, Handel, Dienstleistung, Verwaltung und Hochschule systematisch die Situation der Stadt. Man wollte gemeinsame Ziele definieren und einen neuen Selbstorganisationsprozess auslösen, Schwächen ausgleichen und Stärken gezielt ausbauen. Man kam überein, die Stadt als Standort für „wandern, wissen, wellness, www“ zu positionieren und für die Zielgruppe 55+ attraktiver zu machen. Dabei soll die Hochschule als Standortfaktor in alle Aktivitäten eingebunden werden.

Die Konzentration auf „Hochschule“ und „Wissen“ macht Furtwangen zur ersten Kommune im Schwarzwald, in der Touristen neben Wandern und Wellness auch immer das Thema Wissen antreffen. Die Zielgruppe 55+ steht dabei im Fokus, denn hier vermutet man das größte Interesse. Bereits kurz nach dem Start des Projektes, das als interkommunales Projekt für weitere Gemeinden offen ist, hat sich die Gemeinde Gütenbach eingeklinkt. Unter Einbeziehung von Bürgern, Handel, Industrie, Gastronomie, Vereinen, Hochschule und angrenzenden Kommunen wächst seit 2009 das Stadtentwicklungsprojekt www: wandern, wissen, wellness.

 

Zukunftsfähige Lösungen entwickeln und gestalten:
Aktueller Projektstand.

2009 startete man mit vier Arbeitsgruppen und rund 20 Teilnehmern, heute arbeiten acht Arbeitsgruppen mit insgesamt rund 100 Aktiven im Rahmen des Stadtentwicklungsprojektes an Entwicklung und Umsetzung der Projekte. Die Arbeitsgruppen:

Kinderuni: 2011 findet die Kinderuni zum zweiten Mal statt, bereits vor dem Start der Bewerbung liegen mehr Anmeldungen vor, als man überhaupt aufnehmen kann. Dabei sind die Ziele der Kinderuni ambitioniert: Pädagogen und Hochschulprofessoren betreuen eine Woche lang 60 Kinder, im Programm wechseln sich Veranstaltungen an der Hochschule und Freizeit in der Natur ab. Pädagogisch getragen und begleitet wird die Kinderuni von der Hochschule und den weiterführenden Schulen vor Ort, untergebracht sind die Kinder im Skiinternat. Sponsoren sind neben der heimischen Industrie der Lions Club und die ortsansässigen Geldinstitute.

Handel: Die Arbeitsgruppe Handel startete mit Innovationen für die Zielgruppe 55+: eine „Kassenlupe“ für Händler wurde entwickelt, neue Kooperationen entstanden  (bspw. Orthopäde im Sportgeschäft), von den Metzgern wurde die „Uhrwurst“ kreiert. Anfang 2011 entstand ein Konzept für eine interkommunale Gesundheitswoche 55+, die in Zukunft jährlich stattfinden und den bekannten Bike-Marathon aufwerten soll. Schwerpunkt 2011 ist das Thema Allergien, damit unterstützt man aktuell das Projekt „allergikerfreundliche Region“ des Ferienlandes.

Mobilität: In einem ersten Schritt entstand ein Konzept für E-Biking 55+ in der Region, um gezielt auch älteren Touristen den Reiz des Hochschwarzwaldes per Rad zu öffnen. E-Biking-Routen führen auf gut befahrbaren Strecken zu den wichtigen Sehenswürdigkeiten der Region, Studierende der Hochschule Fortwangen haben Apps entwickelt, die Sehenswürdigkeiten, Wissenswertes und Gastronomiebetriebe einbinden. Eine besondere Idee des Projektes sind die Aufladestationen für E-Bikes und E-Autos bei den Gastronomiepartnern des Projektes. In einer Patenschafts-Aktion werden E-Bikes für den Verleih angeschafft, Partner sind Gastronomie, Ferienland, Handel, Hochschule und Industrie. Mit dem Projekt will man einen zukunftsfähigen Beitrag zur Mobilität leisten.

Stadtgesichter: Hier ist 2009 die Konzeption zu einem interkommunalen Informations- und Leitsystem entstanden. In digitalen, in der Stadt aufgestellten „Wunderfitzkisten“ präsentiert sich die Stadt mit allem Wissenswerten ihren Besuchern. Zur Erinnerung: Das Uhrenmuseum besuchen jährlich rund 10 000 (Bus-)Besucher, die nach ihrem Besuch des Uhrenmuseums die Stadt umgehend verlassen. Jetzt sollen diese Gäste auf eine neue Weise zu den lohnenswerten Nahzielen in Stadt und Umgebung geleitet werden. In einem Gemeinschaftsprojekt von Künstlern, Hochschule, Uhrenmuseum, Industrieunternehmen und Stadt werden das Leitsystem und die „Wunderfitzkisten“ derzeit realisiert.

Hochschule/Bildung: 2011 packen Hochschule, Industrie und VHS schon zum zweiten Mal gemeinsam ein Bildungspaket mit Vorträgen und Veranstaltungen aus dem Portfolio der Hochschule (Medien, Gesundheit, regenerative Energie, Sicherheit). Das Bildungspaket flankiert Kinderuni und Gesundheitswoche, Zielgruppe sind Erwachse aus der Region, vor allem die Zielgruppe 55+.

Die Arbeitsgruppen Internet (ein Kooperationsprojekt von Stadt und Hochschule), Energiegenossenschaft (ein Bürgerprojekt zur Finanzierung gemeinsamer Energieprojekte im Bereich regenerativer Energien) und Bürgerstiftung haben Mitte 2011 ihre Arbeit aufgenommen. Erste Ergebnisse werden Ende des Jahres erwartet. Alle Arbeitsgruppen werden von einem externen Coach geleitet, der die Projekte vorantreibt, Vernetzung und Informationsfluss sichert und einen einheitlichen Informationsstand für die Teilnehmer garantiert.

 

Ziele aus eigener Kraft erreichen:
Das Alleinstellungsmerkmal des www-Projektes.

Wenn die kommunalen Kassen leer sind, ist eine Kommune streng genommen nicht mehr handlungsfähig. In Furtwangen geht man neue Wege. Weil die Stadt keines der Projekte finanziell unterstützen kann, erfolgt die Finanzierung ausschließlich aus Quellen, die die Projektteilnehmer selbst erschließen. Als bemerkenswert erweist sich dabei, dass sich die Finanzierung entgegen aller Prognosen nicht als Engpassfaktor erweist. Offenbar gibt es einen Faktor im System, der das Gelingen der Projekte inklusive Finanzierung signifikant erhöht. Was ist das für ein Faktor?

Sozialkapital ist die wichtigste Kapitalbasis einer Kommune.

 

Wie wirkt das Projekt langfristig?

„Wer Menschen nachhaltig motivieren will, (…) muss ihnen die Möglichkeit geben, mit anderen zu kooperieren und Beziehungen zu gestalten. Gelingende Beziehungen sind das unbewusste Ziel allen menschlichen Bemühens.“

Gerald Hüther, 2006

Wer als Gemeinde und Region erfolgreich sein will, muss auf ein gutes Miteinander achten. In Gemeinschaften, die über ein gutes Sozialkapital verfügen, sind Menschen gesünder, glücklicher und erfolgreicher, Gemeinden die über ein hohes Sozialkapital verfügen, haben die besten Entwicklungschancen. Mit Humankapital oder Bruttosozialprodukt hat Sozialkapital nichts zu tun. Hier geht es vielmehr um menschliche Beziehungen und soziale Netzwerke und um den sozialen Kitt überall dort, wo Menschen zueinander in Beziehung treten. Sozialkapital beschreibt damit eine Form ausgewogener, sozialer Beziehungen, die ein funktionierendes Gemeinwesen und ein gutes Bruttosozialprodukt erst möglich machen.

Nach zwei Jahren Projektarbeit in Furtwangen spürt man, dass die Stärkung des Sozialkapitals der Schlüssel zu einer nachhaltigen Entwicklung der Stadt ist. Im Stadtentwicklungsprojekt www stehen zwar messbare Ziele und Projekte im Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit. Doch die Basis der Zusammenarbeit sind Kooperation und Resonanz, Motivation und gelingende soziale Netzwerke. Die Stärkung des Kreises von Gleichgesinnten und der Blick über den eigenen Tellerrand, der neue Perspektiven und Handlungsoptionen eröffnet, sind dabei zwei Seiten einer Medaille. Für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolg sind beide Seiten entscheidend.

Kooperationen sind die Basis für die Zukunft.

Was macht das Projekt www interessant insbesondere für kleinere Kommunen?

In einer Zeit der Globalisierung ist es wichtig, Beziehungsnetze zu fördern. Noch so viele Fernsehprogramme oder das Internet können auf Dauer nicht das persönliche Gespräch ersetzen; im Gegenteil – sie fördern die Vereinzelung und Vereinsamung. Je vereinzelter und individueller der Mensch lebt, desto mehr ist er auf Vernetzung und Kooperation in einer Kommune angewiesen.

„Im Rahmen einer von allen Beteiligten als sinnvoll empfundenen Projektarbeit stärkt das www-Projekt in Furtwangen die Gemeinschaft.“

Josef Herdner, Bürgermeister in Furtwangen

Übergeordnetes Ziel des www-Projektes in Furtwangen ist es, den Kräften des sozialen Zusammenhaltes mehr Aufmerksamkeit zu widmen und das Sozialkapital zu stärken. Denn je ausgeprägter der Zusammenhalt in einer Gemeinde ist, desto gesünder und glücklicher sind auch ihre BürgerInnen, desto mehr Erfolg haben die Betriebe, desto größer sind die Bildungschancen und desto geringer ist die Kriminalität. Insbesondere für kleinere Kommunen liegt daher in der Erkenntnis, dass Sozialkapital die Basis aller Entwicklung ist, die größte Chance für Stadtentwicklung und Stadtmarketing der Zukunft.

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