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Ausgabe Baden-Württemberg

Walk & Surf: Der Aalener Citybummel

Real sehen, virtuell erleben

Internetfähige Mobiltelefone sind in den letzten Jahren zum Standard geworden. Die mobile Verfügbarkeit des Internets bietet Städten und Regionen vielfältige Möglichkeiten, Informationen direkt vor Ort bereit zu stellen. Bisher waren städtische Informationssysteme nur „statisch“ im Netz vorhanden und wurden in der Regel am heimischen PC abgerufen. Das mobile Internet ermöglicht es Städten und Regionen, die bestehenden Informationssysteme nun auch mobil zur Verfügung zu stellen.

Bundesweites Pilotprojekt für den Einsatz im Bereich des Stadtmarketings ist der Aalener City-Bummel „Walk & Surf“. Hier werden seit Oktober 2010 an 20 Stationen, auf der Homepage der Stadt und über Begleitmaterialien Informationen über QR-Code-Abruf öffentlich zur Verfügung gestellt. Durch diese Film- und Audiosequenzen soll einerseits eine junge Zielgruppe für die Aalener Innenstadt sympathisch angesprochen und andererseits mehr Spontanität im Erleben der ehemaligen Reichsstadt ermöglicht werden. Zudem etabliert die Stadt Aalen hier ein zukunftsorientiertes Informationssystem, denn die Zahl der mobilen Internetnutzer steigt stetig an, während die Preise für die Nutzung mobiler Internetflatrates sinken.

„Grüß Gott, Ihr Damen und Herren! Ich bin der Spion von Aalen und zeige euch meine Stadt!“ Der „Aalener Spion“ führt die Gäste durch die Stadt, das Medium Internet ermöglicht hierbei Einblicke in das Aalener Markttreiben auch an Nicht-Markttagen, Anekdoten zum Besuch von Napoleon Bonaparte im Aalen des Jahres 1805 oder spannende Einsichten in für den Publikumsverkehr geschlossene Gebäude.

Preisträger 2012 - Städte 30.000–70.000 Einwohner


Anlass und Ziel/Vorgehensweise

„Das ganze Internet auf dem Handy ist die pure Propaganda!“, schrieb die Süddeutsche Zeitung noch 1999, das seien „unerfüllbare Erwartungen“. Heute boomt der Verkauf internetfähiger Mobiltelefone. Die Verwendung von Handys eben nicht nur zum Telefonieren sondern zur Nutzung einer Vielzahl zusätzlicher multimedialer Funktionen ist alltäglich geworden. Noch vor wenigen Jahren ließ die viel zitierte „Usability“ auf Mobiltelefonen zu Wünschen übrig: Umständliche Bedienung, instabile Software sowie Displaytechniken, die höchstens zum Schreiben von SMS geeignet waren. Heute verbreiten sich Smartphones mit intuitiven Touchscreens zunehmend schneller: Audio und Videodateien abzuspielen gehört ebenso zum Standard wie der Zugriff auf mobile Inhalte im Internet. Einhergehend mit den immer günstiger werdenden Internet-Flatrates wandelt sich der Umgang mit Mobiltelefonen dahingehend, dass fast jeder sein Mobiltelefon als „kleinen digitalen Begleiter“ dabei hat.

Mit dem Smartphone kann der User fast alle erdenklichen Dinge anstellen, seien es auch oft nur Spielereien. Erweitert wurde die mobile Internetnutzung in den letzten Jahren durch die Netbooks und jüngst durch das iPad von Apple. Die „Multimediaassistenten“ der Zukunft ermöglichen also den uneingeschränkten Zugriff auf alle Informationen – jederzeit und allerorts.

Hier stellt sich die Frage: Wie kann dem Nutzer die richtige Information zur richtigen Zeit und am richtigen Ort vermittelt werden? Gerade im mobilen Bereich will nicht jeder Nutzer eines Mobiltelefons mit mobilem Internet immer und überall erfahren, welche interaktiven, sehenswerten, „wichtigen“ oder eben „unwichtigen“ Dinge gerade um ihn herum oder sogar weltweit geschehen.

Das Medium Internet sollte zurücktreten und im übertragenen Sinne nicht mehr als solches erkennbar sein. Es soll nur „Mittel zum Zweck“ sein und somit quasi unsichtbar. Ziel ist es, dass der Nutzer nur noch das erfährt und sieht, was er selbst gerade will. Es bedarf einer Filterung, und zwar einer Filterung, die nicht der Nutzer gegenüber einem Informationsberg unternimmt, der mitunter auch viele Falschinformationen enthalten kann. Es ist daher sinnvoll, Objekte, die Interesse wecken können oder sollen, zum Input einladen zu lassen. Die Nutzung des Internets findet also erst nach gewecktem Interesse direkt vor Ort statt, und zwar gezielt – nicht in Form einer aktiven Suche des Nutzers im Internet, sondern indem das Objekt des Interesses selbst dem Mobiltelefon den entsprechenden Input gibt.

Beispiel: Urban-Code „Aalener City Bummel“

Am Beispiel des Urban-Code-Systems der Stadt Aalen lässt sich gut erläutern, welche Information zur Verwendung im mobilen Informationssystem sinnvoll ist und welche nicht. Gegenüber einem klassischen Hinweisschild muss die mobile Information einen erkennbaren Mehrwert haben. Die simple Wiederholung dessen, was auf dem Schild steht, ist nicht von Interesse. Auch wenn zusätzliche Informationen mobil zur Verfügung gestellt werden – niemand will sich längere Texte auf seinem Mobiltelefon durchlesen. Die multimedialen Potentiale des Gerätes sollten ausgeschöpft werden, damit die Aufmerksamkeit erhöht und durchaus auch ein Spieltrieb geweckt wird. Die Informationen sollten außerdem kompakt vermittelt werden, da sich die wenigsten Nutzer im Rahmen einer touristischen oder ähnlichen Tätigkeit unzumutbar lange mit ihrem Mobiltelefon beschäftigen wollen. Am besten geeignet zur kompakten und eingängigen Information sind somit Filme, die auf aktuellen Mobiltelefonen in ausreichend hoher Qualität wiedergegeben werden können.

Von der Dokumentation bis zur Animation lässt sich in ein bis zwei Minuten eine ausreichende und einprägende Information gestalten. Auch Audioinhalte können interessanter gestaltet werden, indem sie zum Beispiel durch einen virtuellen „Avatar“, der im Idealfall einen Bezug zur Information hat, vorgetragen werden. Beispielhaft sei hier der „Spion von Aalen“ genannt – ein heldenhafter Charakter aus dem Mittelalter, dem in Aalen ein Denkmal gesetzt wurde. Mithilfe von 3D-Software kann die Statue des Spions zum „Leben“ erweckt werden und dem Nutzer Anekdoten aus der Aalener Stadtgeschichte erzählen.

Insbesondere Informationen, die über „analoge” Wege schlecht vermittelbar sind, lassen sich über Filme hervorragend mit dem Handy verknüpfen: Lokale Besonderheiten wie Geschichten, die beispielsweise von einem „Einheimischen” erzählt werden, vielleicht seine eigenen Erlebnisse, können kulturelle Eigenarten und Erinnerungen wach halten. Temporäre Ereignisse, wie zum Beispiel Volksfeste können während des restlichen Jahres per mobil abrufbaren Film eindrucksvoll wiedergegeben werden. Informationen, die an einer bestimmten Stelle abgerufen werden, können den aktuellen Blickbezug des Nutzers aufnehmen und beispielsweise die selbe Stelle in historischen Ansichten wieder aufleben lassen oder einen zukünftigen Zustand vermitteln. Bei städtebaulichen oder architektonischen (Groß-) Projekten kann so ein Eindruck dessen, was geplant ist, schon während der Bauarbeiten nahe gebracht werden. Vor allem 3D-Stadtmodelle lassen sich hierfür mit den mobilen Informationssystemen verbinden. Dies beinhaltet einen weitaus größeren inhaltlichen Wert, als wenn das Modell weit entfernt vom Ort des Geschehens vor dem heimischen PC betrachtet wird.

Selbstverständlich werden aber alle Inhalte auch auf die städtische Homepage eingestellt und die Film- und Audiosequenzen zum Download zur Verfügung gestellt. Die klassischen Instrumente wie papierbasierte Informationsbroschüren oder die altbewährte Stadtführung werden weiterhin angeboten. Alle Angebote werden gleichwertig kommuniziert, damit möglichst alle Zielgruppen erreicht werden.

Aktueller Projektstand

Das Projekt ist in der ersten Phase abgeschlossen, die Standorte sind flächendeckend in der Aalener Innenstadt installiert und funktionsfähig. Die Abrufdaten zeigen eine sehr gute Nutzung des Systems, eine Evaluierung wird folgen, wäre jedoch nach nur 3 Monaten zu früh.

Kosten, Finanzierung

Die Kosten lagen bisher bei etwa 6 500 € und werden von Wirtschaftsförderung, Touristik Service und Sponsoren getragen, wobei der Innenstadtverein Aalen City aktiv hier eine wichtige Rolle einnimmt.

Was ist neuartig?

Die Kunden werden mit bekannten Inhalten (Stadtführungen, Themenführungen, Nachtwächterführungen und mehr gibt es bereits), aber neuen, mobilen Techniken von der Innenstadt begeistert. Neue, sonst nicht zugängliche Einblicke oder Hintergrundwissen werden exklusiv angeboten. Wird der auf den Systemtafeln abgebildete QR-Code mit dem Kamerahandy fotografiert, so wird über eine Dechiffrier-Software der Text entschlüsselt, der sich hinter dem QR-Code verbirgt. Die Dechiffrier-Software ist auf neueren Mobiltelefonmodellen bereits vorinstalliert oder kann im Internet kostenfrei bezogen werden. Idealerweise stellt der Text eine Internetadresse dar, auf die das Handy direkt zugreifen kann. Somit lässt sich über den Code gezielt vor Ort eine bestimmte Internetseite abrufen. Aber auch auf Dateien, die online verfügbar sind, lässt sich so mit dem Handy zugreifen. Ohne dass der Nutzer auf Internetseiten suchen muss, wird direkt ein Film oder eine Tondatei auf dem Handy abgespielt. Der QR-Code ist eine einfache zweidimensionale Grafik und hat daher den Vorteil, dass er sich problemlos auf Plakaten, Schildern oder per Aufkleber am Objekt des Interesses platzieren lässt.

Langfristige Wirkung des Projekts

Eine Ausweitung auf die gesamte Kernstadt ist vorgesehen, um das Weltkulturerbe Limes, aber auch das Thermalbad sowie Museen einbinden zu können.
Daneben arbeitet man derzeit an einer Einbindung von Einzelhandel und Dienstleistern, um den Kunden auch außerhalb der Öffnungszeiten das Produktportfolio präsentieren zu können, oder Sonderaktionen im Handel auf diesem Weg zu kommunizieren.
Das Produkt wird für absehbare Zeit die Aalener Innenstadt aufwerten, mittelfristig werden alte Tafeln mit Stadtinformationen ersetzt und der neue City Bummel wird dann mittels neuer Tafeln alle Informationen kompakt für die Besucher der Innenstadt vorhalten.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit bzw. die Kooperation mit unterschiedlichen Partnern des Projekts?

Die Kooperation zwischen den Partnern war Grundlage des Projektes, um mit allen Akteuren der Innenstadt gemeinsam an der Verbesserung der Kundenansprache zu arbeiten.

Verknüpfung mit anderen Branchen? (z.B. Tourismus)

Neben City Management und Wirtschaftsförderung ist der Tourist Service Aalen ein zentraler Partner im Projekt, da dort alle Produkte und Angebote für die Besucher der Innenstadt zentral vorgehalten werden. Ebenso sind das Stadtarchiv und die Stadtplanung eng eingebunden.

Wie können andere Städte vom Projekt profitieren?

Das System kann an jedem Standort und auch für nahezu jeden Inhalt (Innenstadt, Touristik, Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing, Museen...) übernommen werden. QR-Codes sind lizenzfrei, die Software ist kostenfrei erhältlich. Falls also Inhalte und Ideen vorliegen, kann das Konzept jederzeit genutzt werden, um jungen und/oder technikaffine Kundengruppen anzusprechen.

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